04.02.2026

Jetzt isses passiert: Mein erster Unfall in 36 Jahren Führerscheinbesitz. Keine Sorge: Wir sind mit dem Schrecken davongekommen. Niemand wurde verletzt. Niemand außer uns war involviert. Nur leichte Schäden am MG4.
Aber der Reihe nach:
Endlich mal wieder ein Winter, der sich nach solchem auch anfühlt und so aussieht: Minusgrade und Schnee, der tage-, ja wochenlang liegenbleibt. Eigentlich vollkommen normal für unsere Breiten, aber die Medien schaffen es, selbst daraus eine Katastrophenmeldung zu machen.
Ebenfalls verblüffend, wenn auch durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre erwartbar: Wie unvorbereitet kann man eigentlich im öffentlichen Raum bei Wintereinbruch (auch so'n Alarmwort) im Hinblick auf Straßenräumung sein? Viel Luft nach unten ist da glaube ich nicht mehr. Viele Nebenstrecken sind auch Tage nach dem letzten Neuschneefall nicht geräumt und/oder vom Wind mit Schnee zugeweht.
Daher der Name: Schneewehen. Hat nichts mit Geburt zu tun. („Sie lag in den Schneewehen.“ – Oh je, holt sie schleunigst da raus und erwärmt sie vorsichtig wieder!)
Ich schweife ab. Wo war ich?
Vom Winde ver zugeweht, richtig. Danke. Moment mal, gab es da nicht eine verblüffend einfache Erfindung namens „Schneezäune“, die so etwas (Strömungsphysik sei Dank) mit sehr wenig Aufwand und Kosten zuverlässig verhindern kann? Einmal entlang der Straße an der Windseite aufstellen, Fahrbahn bleibt frei.

Hab ich hier im ländlichen Raum um Hannover noch nie gesehen. Fällt das schon unter altes Wissen, das verlorengeht? Bin ich schon so alt? Kinder, kommt mal dichter an die Klimaanlage. Heute erzähle ich euch die Geschichte vom Schneezaun…
Wir sind auf dem Heimweg aus Bremen, fahren die B6 Richtung Hannover. Fährt sich easy, wenig Verkehr. Ist kürzer und schöner als die Autobahnstrecke. Die Fahrbahn ist frei und trocken, nur hin und wieder auf ganz kurzen Stücken leicht von Schnee überweht, aber diese Stellen sind mit reduzierter Geschwindigkeit unproblematisch zu passieren.
Das Navi möchte uns, da angeblich schneller, durch Hannover nach Hause bringen, aber ich biege schon bei Garbsen von der B6 ab, um eine Abkürzung über die Dörfer zu nehmen. Hätte ich besser nicht gemacht.
Zwischen Harenberg und Lenthe ist die Straße fast auf ganzer Länge schneeverweht. Das ist kein festgefahrener Schnee, auf dem man mit Winterreifen wenigstens noch etwas Grip hätte. Es ist diese mehlig-trockene Schneepampe, die entsteht, wenn mal irgendwann Salz auf der Fahrbahn war, es aber frischen Schnee draufgeschneit oder geweht hat und diese Mischung bei Frost von vielen Autoreifen feingemahlen wird. Wie Treibsand, das Zeug.
Die Straße ist auf dem Kilometer vor Lenthe schnurgerade. In dem Mehlschnee, der stellenweise gut 5cm hoch auf der Fahrbahn liegt, sind Spurrinnen, die den Fahrbahnbelag aber auch nur ahnen lassen.
Vor uns fährt mit großem Abstand ein anderes Auto. Ich fahre nicht schnell, irgendwas um die 60 km/h. Der Wagen vor uns ist schneller, der Abstand wird auf dem letzen schneeverwehten Stück größer.
Ich bin hellwach, konzentriert und mache keine Lenkbewegungen. Doch plötzlich verliert unser MG4 komplett die Haftung! Wir geraten ins Schlingern. Der Wagen driftet nach rechts von der schneeverwehten Fahrbahn ab, streift mit dem vorderen rechten Kotflügel einen Baum, überfährt einen Begrenzungspfahl (der sich wundersamerweise hinter uns wieder aufrichtet) und kommt zum Glück vor dem nächsten Baum in tieferem Schnee zum Stehen.
Holy Shit! Meine Liebste und ich sind unversehrt. Mental bin ich erstaunlich ruhig, aber der Körper hat seine eigene Schockreaktion. Niemand sonst ist involviert – gut. Puh. Als allererstes machen wir eine kurze mentale Notfall-Übung zur Schockbehandlung. Das ist ganz wichtig in einer solchen Situation, damit sich kein Trauma festsetzen kann. Denn der Körper wähnt sich gerade in Lebensgefahr und hat alle diesbezüglichen biochemischen Schleusen geöffnet. Wenn dieser Alarmzustand nicht sofort adressiert und „heruntergefahren“ wird, kann man erstens nicht klar denken und handeln und zweitens wird es sich sonst sehr wahrscheinlich später in anderer Form manifestieren: Panikattacken, Alpträume, Körperphänomene, alles nicht lustig. Zum Weiterlesen: https://www.somatic-experiencing.de/
Die Übung wirkt tatsächlich beinahe sofort (meine Liebste ist traumatherapeutisch ausgebildete Qigong-Trainerin). Innerhalb von zwei, drei Minuten haben sich unsere Körper soweit beruhigt, dass wir uns gut orientieren und planvoll handeln können.
Ich schalte erstmal die Warnblinker ein. Kurzer Check: Alle Anzeigen im Cockpit normal. Wichtig: Heizung läuft. Dann sehe ich mich draußen um. Kein anderes Fahrzeug in Sichtweite. Ich steige aus. Es sind -3°C und wir stehen in eisigem Ostwind, der die gefühlte Temperatur um weitere 10° senkt. Ich gehe um unseren MG4 herum und begutachte die Schäden. Es sieht relativ harmlos aus: Der vordere rechte Kotflügel und der Radkasten sind beschädigt.

Vom Radkasten liegen ein paar schwarze Plastikteile zwischen Baum und Auto in der Furche, die wir gezogen haben. Ich sammele sie ein. Erstaunlicherweise ist der rechte Außenspiegel völlig intakt. Hätte der Baum ihn nicht wegrasieren müssen? Anscheinend sind wir nach dem Touch auf Höhe des rechten Vorderrades flummiemäßig abgeprallt.
Sonst scheint nichts beschädigt zu sein. Großes Glück gehabt! 10 cm weiter nach rechts und wir wären mit der Front auf den Baum geprallt. Wir waren nicht schnell, aber da hätten dann sehr wahrscheinlich die Airbags ausgelöst. Möchte ich nicht unbedingt erleben.
Ich mache Fotos der Situation und der Schäden. Am Baum ist nur ein oberflächlicher Kratzer in der Rinde zu sehen, vielleicht 10cm lang und 3 breit, geht nicht mal bis ins Holz. Das hat der in diesem Frost gar nicht gemerkt. Der Begrenzungspfahl hat sich selbst geheilt und steht wie ‘ne 1. Ich glaube, die sind so gebaut, dass sie ein Überfahrenwerden problemlos wegstecken können. Da hat mal jemand mitgedacht.

OK. Ich stelle das Warndreieck auf und setze mich erstmal wieder zu meiner Liebsten ins warme Auto.
Fun-Fact am Rande: Ich hatte den Akkustand für die Rückfahrt knapp kalkuliert, aktuell sind da noch 5% drin, als Restreichweite werden eher sehr pessimistische 11km angezeigt. (Das wären bei 100% ja nur 220km Gesamtreichweite; selbst bei diesen Temperaturen kommen wir aber locker auf 300+.) Bis zu uns nach Hause sind es 5km, reicht also dicke. Und ich weiß, dass wir rechnerisch hier noch stundenlang mit Heizung an stehen können ohne Gefahr zu laufen, unser Zuhause nicht mehr erreichen zu können. Aber wissen ist das eine, befürchten das andere. Spoiler: Wir stehen hier insgesamt ungefähr anderthalb Stunden und es reicht.
Als nächstes rufe ich meine Versicherungs-Hotline an, schildere die Situation und bitte um genaue Anweisungen, was jetzt zu tun ist. Unser MG4 ist ja geleased, da darf man sich keine formalen Patzer leisten. Die sehr nette Dame nimmt den Schaden auf und rät uns unter anderem, doch die Polizei zu rufen, damit kein Verdacht auf Fahrerflucht wegen der Baumbeschädigung aufkommen kann. Sie gibt uns dafür eine Hotline-Nummer der Polizei, die sich aber als nicht die richtige erweist.
Also rufe ich die 110, erstmals in meinem Leben. Auch dieser Kontakt ist sehr nett und ich bekomme nach Durchgabe unseres Standortes die Info, dass Kollegen rausgeschickt werden.
Inzwischen kommen etliche Autos an uns vorbei. Die meisten brettern einfach durch, einige so nah, dass ich Angst bekomme, es könnte noch einer bei uns hintendrauf krachen, wenn er nur leicht aus der Spur gerät. Ein paar halten kurz an und fragen mit heruntergelassener Scheibe, ob alles OK ist. Wir nicken jedesmal, bedanken uns und sagen, ja, alles OK, wir kommen klar. Da wissen wir noch nicht, dass wir hier alleine nicht rauskommen werden.
Es wird aber schnell klar, als ich einen ersten vorsichtigen Versuch mache, unseren MG4 zu bewegen. Wir stecken so tief im Schnee, dass der Wagen praktisch aufliegt. Weder rückwärts noch vorwärts geht irgendwas, die Hinterräder drehen einfach sofort durch, egal, wie sanft ich das Strompedal streichele. Wir haben natürlich weder Schaufel noch Abschleppseil dabei. Hm.
Da hält auf der anderen Seite jemand an, steigt direkt aus, kommt zu uns rüber und bietet seine Hilfe an. Ohne Mütze, ohne Handschuhe in diesem eisigen Ostwind. Ich friere schon beim Hinsehen. Er meint: Ich hab Allrad, ich ziehe euch da raus. Ja super, das klingt gut. Ich krame die Abschleppöse aus dem Kofferraum (unter der Abdeckung) und schraube sie vorn in die dafür vorgesehene Öffnung. Dazu muss ich erst eine runde Plastikabdeckung in der Frontschürze entfernen. Und dazu muss ich kurz meine Handschuhe ausziehen – und habe gefühlt ein Zeitfenster von drei Sekunden, ehe mir die Finger steifgefroren abfallen. Ich schaffe es!
Währenddessen wendet der nette Fahrer sein Auto und stellt sich in Abschleppseilentfernung vor uns. Das Problem ist nur, er hat auch kein Abschleppseil dabei. Hm.
In diesem Moment kommt der erwartete VW-Bus mit Blaulicht an. Ein Polizist und eine Polizistin steigen aus und kommen zu uns rüber. Beide wirken ausgesprochen nett und dieser Eindruck wird sich noch verstärken. Aber – oh Gott – auch sie stehen ohne Mütze und Handschuhe in diesem eisigen Wind. Sie hat wenigstens ein wienenntmandasheute „Multifunktionstuch“ über die Ohren gezogen. Um seinen unbedeckten Kurzhaarschnitt höre ich praktisch den Wind pfeifen. Ich mache eine bedauernde Bemerkung dazu und er zuckt nur kurz cool mit den Schultern. Sooo muss Polizei.
Ich schildere die Situation, sie nehmen alles in Augenschein. Wir fragen, ob sie vielleicht ein Abschleppseil dabei hätten. Nee, abschleppen dürften sie nicht. (Kurze Pause.) Aber sie könnten ja mal gucken und falls sie eins haben, es uns kurz leihen.
Sie gucken, haben eins und leihen es uns. Super! Leider wirklich nur kurz, denn es stellt sich heraus, dass die Abschleppöse, die der freundliche und geduldige Helfer mit unbehandschuhten Händen aus den Tiefen seines Kofferraums kramt, irgendwie nicht in die dafür vorgesehene Aufnahmeöffnung seines Autos passen will. Das Gewinde greift einfach nicht. Scheint auch zu kurz zu sein. Selbst Telefonate mit dem Vater des Helfers, dem das Auto offenbar gehört, helfen nicht weiter. Hm.
Die netten Polizisten checken derweil meine Fahrzeugpapiere und meinen Führerschein.
Ich bedanke mich herzlich bei dem engagierten Helfer. 🙏🏻 Er drückt nochmal sein Bedauern aus, dass es nicht geklappt hat, wendet und fährt schlingernd los. Es ist wirklich verdammt glatt hier, Allrad hin oder her. Fahr bloß vorsichtig.
Ich bringe das Abschleppseil zurück und bedanke mich auch bei den Polizisten. Die sitzen inzwischen immerhin in ihrem schön warmen VW-Bus und tippen Protokolle in ihre Laptops. Aus ihrer Sicht bin ich natürlich mit der Situation nicht angepasster Geschwindigkeit gefahren, und zu diesem Zeitpunkt sehe ich das tatsächlich auch selbst noch so. Muss ja so sein, oder? (In der kommenden Nacht wird mir eine plausiblere Erklärung einfallen, mit weitreichenderen Konsequenzen, aber ich will nicht vorgreifen.)
Es folgt eine kurze Belehrung, in der erst erwähnt wird, dass hier ein Bußgeld in Höhe von mehreren hundert Euro verhängt werden könnte, u.a. wg. Sachbeschädigung (Baum und Begrenzungspfahl). Dramaturgische Pause. Aber weil die Situation aus ihrer Sicht doch eher unkritisch ist, würden sie nur ein Bußgeld wg. Ordnungswidrigkeit in Höhe von 35,- € verhängen – und auch das würde im Rahmen der gerade stattfindenden mündlichen Belehrung erlassen. Sie hätten da Spielraum und die Polizei sei gar nicht so, wie alle immer denken würden. Ich denke nicht wie „alle“ und erlebe ja auch gerade zwei sehr entspannte und überaus nette Menschen in Polizeiuniform. Das sage ich und bedanke mich herzlich bei ihnen.
Die Polizistin markiert Baum und Pfahl mit Absperrband und bringt mir dann das Warndreieck zum Wagen zurück (!), damit das nicht vergessen wird. Ha! Wie nett kann es noch werden?
Sie fragen, ob wir weitere Hilfe bräuchten. Ich sag: Nee, wir rufen jetzt unseren Nachbarn an und der wird dann mit einem Abschleppseil kommen und uns hier rausziehen, alles gut.
ich bekomme meine Papiere wieder und auch gleich die Vorgangsnummer für die Versicherung, dann verabschieden sich die beiden und fahren von dannen. Keine Stunde später habe ich das polizeiliche Protokoll in meiner E-Mail.
Vielen vielen Dank! 🙏🏻
Unsere Nachbarn, mit denen wir auch seit vielen Jahren befreundet sind, sind das, was man so als Alltagshelden bezeichnet. Wird irgendwo Hilfe gebraucht, sind sie sofort zur Stelle, ganz selbstverständlich und ohne großes Trara. They simply walk their talk. Es tut gut, solche Menschen in der Nähe zu haben und zu wissen, dass man sie jederzeit um Hilfe bitten kann. Wir würden dasselbe tun. So funktioniert schließlich Gemeinschaft, oder? Das sind die wichtigen Dinge im Leben, und nicht, ob jemand geimpft ist oder was sie oder er wählt oder wo auf der unendlichen Skala zwischen männlich und weiblich sich jemand verortet oder wie jemand das Unbegreifliche nennt und all der andere Kram, der uns Menschen gerade so vollkommen gaga voneinander entfernt, weil wir die Grütze im Kopp nicht sortiert bekommen. Leute, wir müssen wieder mehr zusammenhalten! Was soll sonst aus uns werden? Die wahren Herausforderungen kommen doch erst noch… Predigt Ende.
Wir rufen also unseren Nachbarn an, am Sonntagnachmittag. Eine Viertelstunde später ist er mit Abschleppseil vor Ort. Wir fallen ihm um den Hals.
Auch er hantiert ohne Handschuhe. Wie geht das? Aber ruckzuck ist das Seil an beiden Fahrzeugen befestigt. Jetzt kommt der spannende Teil.
Um es kurz zu machen: Es wird nix. Der Wagen unseres Nachbarn hat kein Allrad und rutscht nur ein bisschen auf der Stelle. Es ist zu glatt. Wir stecken zu tief im Schnee. Selbst als mir einfällt, dass der MG4 einen Snow-Fahrmodus hat und ich diesen in den Tiefen des Einstellungsscreens finde und aktiviere: Es nützt nichts. Ein paar cm kommen wir voran, dann geht nichts mehr. Hm. Müssen wir doch einen richtigen Abschleppdienst rufen?
Müssen wir nicht.
Plötzlich halten nach und nach mehrere Autos an, Leute steigen aus, fragen, bieten ihre Hilfe an. Einer kramt alte Nummernschilder hervor, die wir als improvisierte Schaufeln benutzen, um etwas Schnee vor den Reifen beiseite zu kratzen.
Dann machen wir einen weiteren Versuch, bei dem 5 Leute schieben. Es klappt immer noch nicht. Herrjeh.
Ein riesiger SUV hält. So ein Trumm, den meine Liebste sonst immer „Töte-Auto“ nennt. Ein Typ steigt aus, der sofort Alphamännchen-Aura verbreitet, auf in dieser Situation aber vielleicht angemessene, auf jeden Fall produktive Weise. Hier ist der Anwendungsfall!
Was immer er sonst tut – mit Autos kennt er sich anscheinend aus. Wenn auch nicht mit E-Autos. Er scannt kurz die Situation, hält sich gar nicht erst mit Tipps oder Anweisungen auf, sondern sagt schlicht zu mir: Lass mich mal da ran. Ich erkläre ihm kurz, wie er den MG4 zu handhaben hat. Sein Haupttrick besteht darin, das Lenkrad ganz nach links einzuschlagen, so dass die Vorderräder zur Straße hin eingedreht sind.
Sieht erstmal gut aus, klappt dennoch nicht. 🙁
Wir wechseln die Pferde. Der SUV wird angespannt. Ich setze mich wieder in unseren Wagen und bekomme nun doch eine Anweisung: Räder genau so lassen! Yessir!
Selbst der Allrad-SUV in Beinahe-Monstertruckgröße rutscht auf der Straße hin und her und stellt sich fast quer. 5 Leute schieben gleichzeitig unseren MG4 – und endlich, ganz langsam, kommen wir aus der Schneewehe raus.
Geschafft! Yeah! 👍🏻😅
Ich springe aus dem Wagen und jubele und könnte alle küssen inkl. den Alphamann! Der meint aber nur mit leicht ironischem Unterton: Ja ja, E-Autos… Das lasse ich ihm jetzt gerade ausnahmsweise durchgehen, obwohl das alles ja nun überhaupt gar nichts mit der Antriebsart zu tun hat. (Obwohl. Vielleicht doch. Indirekt. Später dazu mehr.) Er steigt ohne weiteren Kommentar in sein SUV und entschwindet in einen unsichtbaren Sonnenuntergang. Grandios. Dankeeeee! 🙏🏻
Die anderen Helferinnen und Helfer freuen sich mit uns, die Stimmung ist super – so toll, wenn alle an einem Strang ziehen bzw. schieben und das dann schließlich von Erfolg gekrönt ist. Dankeeeee an alle! ❤️🙏🏻🙏🏻🙏🏻❤️

Viele helfende Hände! Sorry wegen des ungewaschenen Hecks…
In diesem groben Zusammenhang eine interessante Beobachtung und Selbstbeobachtung: Von den insgesamt 7 Leuten, die direkt aussteigen und tatkräftig ohne großes Gewese helfen, sind 5 – wie sagt man aktuell korrekt – Menschen mit Migrationshintergrund (MmM)? Oder halt! Menschen mit mutmaßlichem Migrationshintergrund (MmmM). Denn ich weiß das ja gar nicht. Oder Moment: ziemlich wahrscheinlich Deutsche mit mutmaßlichem Migrationshintergrund (DmmM). Denn ich höre keinen Akzent. Aber ich weiß ja nichts über ihre Staatsbürgerschaft, daher: mutmaßliche Deutsche mit mutmaßlichem Migrationshintergrund (mDmmM). Das sind ziemlich viele Mutmaßungen, oder?
Zu dieser Thematik führe ich gerade eine ausufernde Diskussion mit einem alten Freund. Primär geht es um die Frage: Woran mache ich das denn eigentlich fest? Woran meine ich MmmM zu erkennen, wenn kein Akzent wahrnehmbar ist? Dann sind es wahrscheinlich DmmM in zweiter oder gar dritter Generation, also mDmmM – aber es bleibt immer noch die spannende Frage: Woran meine ich sie zu erkennen? Und wozu ist das wichtig?
Denk da mal selbst eine Weile für dich dran lang, ist sehr spannend.
Vielleicht erkenne ich sie künftig vor allem an ihrer Freundlichkeit und selbstverständlichen Hilfsbereitschaft. Und vielleicht löse ich mich von diesen Schubladen und sehe nur hilfsbereite Menschen egal aus welcher Kultur. Oder welche, die einfach vorbeibrettern, egal, aus welcher Kultur.
Wir machen uns sehr erleichtert auf den Heimweg. Der Akku ist inzwischen bei 4% und erstmals sehe ich unseren MG4 den Schildkrötenmodus aktivieren. Liegt wahrscheinlich an der Kälte und am hohen Durchschnittsverbrauch der letzten anderthalb Stunden, wo wir uns ja praktisch keinen cm bewegt haben. Da geht das BMS auf Nummer sicher. Im „Tacho“ leuchtet ein kleines gelbes Schildkrötensymbol auf und der Wagen wird bei deutlich reduzierter Leistung nicht mehr schneller als 50-60km/h. Passt – schneller will ich jetzt auch gar nicht fahren.
Zu Hause angekommen, kommt er gleich an die Wallbox.
Huh. Das war ja was. Und ich dachte, die Ära der Abenteuer läge längst hinter uns.
In der Nacht liege ich lange wach. Es lässt mir keine Ruhe. Wie konnte das passieren? Was habe ich falsch gemacht?
Grübel grübel… Straße schnurgerade, kein Hindernis, ich war hellwach und konzentriert und hab keine Lenkbewegungen gemacht. Da war nur dieser mehlige Belag mit Spurrinnen. Ich war auch nicht schnell - zumindest war der Wagen vor uns schneller, da sich der Abstand vergrößerte. Und der ist da problemlos durch.
Was hätte ich anders machen sollen / können?
Weder ABS noch ESP können noch viel ausrichten, wenn der Wagen erstmal schwimmt. Ich hab ja nicht gebremst, das ABS hat also gar nicht reagiert. ESP müsste zumindest in der ersten halben Sekunde noch versucht haben, das Auto in der Spur zu halten, aber Physik ist Physik. Wenn gar kein Reifen mehr haftet, nützt auch keine Umverteilung irgendwelcher Antriebs- oder Bremskräfte mehr.
Aber warum und wodurch verlor unser MG4 den Grip?
Am plausibelsten erscheint mir folgender Ablauf: Wenn man in unserem E-Auto vom Strompedal geht, rollt es nicht aus, sondern rekuperiert, was mit der bei jedem Fahrzeugstart automatisch eingestellten Rekustufe 3 zu einer ziemlich deutlichen Verzögerung führt - als stünde man mit leichter bis mittlerer Kraft auf der Bremse. Nennt sich „One-Pedal-Driving“, und das geht bis fast zum Stillstand (daher strenggenommen kein echtes OPD, aber fast). Ich muss praktisch nie explizit bremsen, nur immer erst ganz zum Schluss, wenn ich wirklich anhalten will oder muss. Außerdem ist das die Default-Einstellung, die bei jedem Start aktiv ist, weil sich der MG4 nicht merken kann, was zuletzt eingestellt war. Ich bin früher immer mit sanfterer Reku gefahren, aber habe irgendwann aufgegeben, das immer und immer wieder neu einzustellen. Ergeben habe ich Stufe 3 akzeptiert und mich mittlerweile so dran gewöhnt, dass ich es sogar schätze. Das ist erfolgreiches Nudging.
Ich glaube nun (ganz sicher weiß ich es nicht mehr, wie das halt nach solchen Situationen ist), dass ich kurz vor der kritischen Stelle einfach noch etwas langsamer werden wollte und meinen Stromfuß gelupft habe. Idealerweise rollt man ja mit 'nem Auto duch solche oder glatte Stellen, ohne zu beschleunigen oder zu verzögern, um so wenig Kräfte wie möglich auf den Reifen zu haben, die den Grip verringern. Offenbar hat die Verzögerung durch die einsetzende Rekuperation aber ausgereicht, den Reifen kurz die Haftung zu entziehen. Und dann machste einfach nix mehr, guckste nur noch zu, wie sich die Ereignisse entwickeln.
Ich hätte bei Fahrtantritt in Bremen die Rekuperationsstufe runterstellen können, aber die Fahrbahnen auf den Hauptstrecken waren frei und trocken, mit festem Grip. Und ich war schon im Fahrmodus „Eco“ statt „Normal“, was den E-Motor aber nur beim Beschleunigen zügelt und sich nicht auf die Rekuperationsstufe auswirkt. Um den bereits erwähnten „Snow“-Modus, der u.a. die Reku auf die sanftestmögliche Stufe setzt, zu aktivieren, muss man sich im Settings-Screen durch zwei Untermenüs hangeln. Das machste nicht während der Fahrt und schon gar nicht, wenn ein Schneefeld schon in Sichtweite ist und alle Aufmerksamkeit erfordert. Und Anhalten ist auch blöd, wenn hinter dir vielleicht noch Autos kommen und es keinen Seitenstreifen gibt.
Ich hab nix wirklich falsch gemacht, „nur“ den Reku-Effekt nicht bedacht bzw. nicht für möglich gehalten, dass er uns ins Schwimmen bringen könnte. Das beruhigt mich etwas. Immerhin mein erster Unfall mit eigenem Auto seit ich vor 36 Jahren meinen Führerschein gemacht habe.
Aber. Wenn meine Vermutung stimmt, ist das tatsächlich ein Effekt, der in dieser Ausprägung nur E-Autos betreffen dürfte, und das über alle Fabrikate hinweg.
In meinem speziellen Un-Fall kommen wie in jeder komplexen Situation viele Wirkfaktoren zusammen, angefangen bei der Witterung, hierzulande unbekannten Schneezäunen, über die beim MG4 ungünstige Default-Einstellung der Rekustufe bis hin zu einer kognitiven Erwartungslücke, die mit diesem Effekt nicht gerechnet hat.
Daher mein Rat und meine Warnung:
Stellt in euren E-Autos bei solchem Wetter immer die sanftestmögliche Rekuperationsstufe ein!
Better safe than sorry.
So, dann werde ich mich mal um den ganzen Versicherungs-, Leasing- und Werkstattkram kümmern.
Stay tuned!